Sonja Blonde romantische Autorin — Gitta

Gitta

Sonja Blonde

Die romantische und spannende Geschichte eines jungen Mädchens können wir in dieser faszinierenden Erzählung von Sonja Blonde kennenlernen. Was hält ein heißer Sommer in Ungarn für die deutsche Höhlenforscherin bereit? Wir können darüber lesen, wie die beiden jungen Menschen, die in weit voneinander entfernten Welten leben, einander treffen und wie dieses Treffen ihr zuvor für friedlich und glücklich gehaltenes Leben durcheinanderbringt.

52 Seiten.

Gitta (Auszug)

Sonja Blonde

 Gittas Erscheinen rief bei Dalma keine Emotionen hervor. Für sie stellte das seltsame deutsche Forschermädchen keine Gefahr dar, auch wenn ihr Freund sie regelmäßig zwischen den Dörfern fuhr. Sie lächelte über ihren mageren, flachen Körper, ihre Shorts und ihre Ledersandalen. Manchmal sprach sie aus Höflichkeit mit dem schüchternen Mädchen, aber die Tatsache, dass sie praktisch für ein paar Monate zu Janós Familie gezogen war, interessierte sie nicht besonders.
 Gleichgültig nahm sie Janós Bitte an, dem Mädchen beim Kleiderkauf zu helfen, bis ihr Gepäck ankam.
 – Warum bringst du sie nicht in den Jagd-Shop? Dort könnte sie etwas für sich finden – bemerkte Dalma scharf.
 – Sei nicht garstig. Sie forscht und liest ständig, sie hatte nie Zeit, weibliche Kleidung zu tragen – Janó verteidigte Gitta.

 Die Sonne verschonte das Dorf nicht. Diese prallte mit solcher Kraft, dass Gitta am liebsten ihre Gastgeber um eine Jagdmütze gebeten hätte. Sie hatte keine Lust mehr, einkaufen zu gehen, aber sie wollte die Freundlichkeit von Janó und Dalma nicht missbrauchen.

 Dalma erschien in einer neonpinken Baseballmütze und einem gleichfarbigen Minikleid mit weißen Strandpantoffeln. Das Kleid war zu eng für das fleischige Mädchen, aber es störte sie augenscheinlich nicht. Janó kam wie gewöhnlich in einem dunkelgrünen T-Shirt und in einer Kniehose zum großen Ereignis.

 Dalma begann, ausnahmsweise Ungarisch zu sprechen und erzählte Janó ausführlich über etwas, während er Gitta durch den Rückspiegel entschuldigend ansah. Das Mädchen hatte nichts dagegen, dass sie nicht verstand, wovon sie redeten. Aus Dalmas Tonhöhe war es klar, dass es um etwas ging, das sie gar nicht berührte, deshalb starrte sie lieber aus dem Fenster hinaus.
 Sie konnte von dem seltsamen Anblick derjenigen, die in tiefer Armut in der Gegend lebten, nicht genug bekommen.
 Sie betrachtete erstaunt die Kleider, die auf den Zäunen aufgehängt waren, und es gab auch ein Haus, wo die Wäscheleine über den Gemüsegarten ausgespannt war.
 Sie fuhren an unzähligen Mehrfamilienhäusern vorbei, die einst von Bergleuten bewohnt waren. Diese Gebäude waren schon fast alle leer. In einigen von ihnen lebten Familien so, dass die Ebene darunter oder darüber schon lange leer war. Die Fenster waren eingeschlagen, die darin verbliebenen Gegenstände, Fensterläden und Türen wurden schon weggenommen. An manchen Stellen, auf den Dächern oder in den Schornsteinen, erschien schon ein junger Baum.

 Die jungen Leute versuchten, der großstädtischen Mode zu folgen, aber mangels Geldes wirkte ihr Kleidungsstil eher wie eine seltsame Parodie als modisch.
 Ein paar muskulöse Typen standen am Straßenrand und stritten sich heftig über etwas. Sie waren alle halbnackt und trugen Kopftücher um ihre kahlen Köpfe. Die bunten Kleidungsstücke aus Baumwolle hatten vermutlich mehrere Funktionen. Einerseits sorgten sie für ein schickes Aussehen, andererseits boten sie Schutz vor Sonnenstich.

 In einem der Höfe bemerkte Gitta ein kleines Gummibecken mit einem riesigen aufblasbaren rosaroten Flamingo in der Mitte. Ein junges Mädchen ruhte mitten im Vogel. Zwar hätte nichts anderes mehr als der Flamingo ins Planschbecken hineingepasst, aber das war ihrer Besitzerin ganz egal, denn sie wiegte sich in einem Becken, in einem gigantischen Schwimmreifen, und Gitta beneidete sie aufrichtig.

 Auch die Industriestadt, in deren Richtung sie fuhren, hatte seit der Schließung der Minen verarmt und die meisten Arbeitsplätze waren verloren gegangen. Hier wurden die Gartenhäuser bereits durch aus zehnstöckigen Blockhäusern bestehende Wohnsiedlungen ersetzt. Die chinesischen Geschäfte wurden nacheinander geöffnet, um die verarmte Bevölkerung zu bedienen.

 Gitta und Janó gingen langsam die Treppe hoch zum Stockwerk des Warenhauses, wo die Klamotten waren. Dalma eilte an ihnen vorbei, sie konnte es kaum erwarten, sich umzusehen. Eifrig warf sie sich in die bunte Kavalkade.
 Janó schien nicht zu wissen, was er mit sich anfangen sollte. Er stand verlegen neben den Umkleidekabinen, als sein Blick auf eine Puppe fiel. Die Puppe aus Kunststoff war in Größe und Form ähnlich wie Gitta. Diese trug ein bordeauxrotes Minikleid mit einer goldfarbenen LOVE-Aufschrift. Verwirrt zeigte er Gitta, was er gefunden hatte.

 – Ich denke, es würde dir gut stehen und auch die Farbe würde zu dir passen.
 Gitta war überrascht von Janós Worten, sie fühlte, dass sie errötete. Dieser einfache Satz rief bei ihr seltsame Gefühle hervor.
 – Oh, verzeih mir, mach dir keine Sorgen um mich, ich weiß, dass du sowas nicht magst – entschuldigte sich der Junge und eilte zu Dalma, als ob er sehen wollte, was seine Freundin für sich selbst aussuchte, die aber diesen Monat kein Geld mehr für Kleidung hatte.

 – Ich kaufe euch ein Eis oder ein Erfrischungsgetränk bei dieser Hitze – Janó führte die beiden Mädchen zur Terrasse der Eisdiele neben dem Bekleidungsgeschäft.
 Dalma setzte sich fluchtend in einen der Sessel. Sie schimpfte über die Hitze und sagte, dass sogar ihre Füße schwitzten.
 Janó hörte seiner Freundin gleichmütig zu. Gitta lächelte, weil Dalma die obszönen Worte perfekt, wie eine echte Deutsche aussprach und sogar darauf aufpasste, dass das Fluchen grammatisch stimmte.
 Janó mochte es nicht, wenn Dalma sich auffällig benahm, er versuchte dann immer so zu tun, als wären sie nicht ein Paar. Auch jetzt rückte er seinen Stuhl näher an Gitta heran, als an Dalma in dem grellen rosaroten Kleid.

 Gitta litt unter der Hitze. Während sie darauf warteten, dass der Kellner ihre Bestellung herausbringen würde, nahm sie die Schnalle aus ihrem Haar, legte den Kopf zurück und fuhr sich mit beiden Händen ins Haar. Sie streichelte ihren Nacken, dann ihren Hals und ruhte mit geschlossenen Augen. Janó konnte seine Augen nicht von ihr lassen. Ihre zarten, anmutigen Bewegungen faszinierten den Jungen für eine kurze Zeit. Dalma bemerkte nichts davon. Sie zog ihre Pantoffeln aus und begann, sich mit einer Serviette die Sohlen abzuwischen.