Der Barbier
Sonja BlondeIn der Geschichte von Sonja Blonde können wir vor allem die verschiedenen Beziehungen verfolgen. Diese ländliche, kleinstädtische Welt könnte uns bekannt vorkommen, aber in der Geschichte geht es mehr um die Gefühle zwischen den Menschen. Wir bekommen einen Einblick in die Entfaltung einer sich langsam entwickelnden Liebe und in die sich vor diesem Hintergrund verändernden Beziehungen zwischen Freunden. Wir können sehen, was passiert, wenn sich das grünäugige Monster in die engsten Freundschaften einnistet.
73 Seiten.Der Barbier (Auszug)
Sonja Blonde
Olga war überrascht, als der Barbier durch die Tür des Gemüseladens hereinkam. Sie hat das nicht erwartet. Der Mann war offensichtlich auf das Treffen vorbereitet, zumindest sein frisch geschnittener Bart, seine perfekte Frisur bewiesen das. Er trug ein hellblaues T-Shirt mit Kragen und Jeans mit weißen Turnschuhen. Die Farbe des T-Shirts betonte die bezaubernden Augen des Mannes noch mehr. Olga konnte ihn nicht aus den Augen lassen.
„Gott, wie schön er ist!“ Olga schluckte nur. – Jeden lieben Tag warte ich nur auf Sie – antwortete die Frau fröhlich. – Wissen Sie, selten besuchen mich so anspruchsvolle Leute wie Sie. – Übrigens, ich bin Antonio – stellte er sich vor. Als Olga seine Hand nahm, zitterte sie. Sie konnte die zarte, warme Berührung des Mannes sogar in der Fußspitze spüren. Am liebsten hätte sie diese nie wieder losgelassen. – Olga – flüsterte sie. – Was für ein schöner Name, Olga. – Es konnte nicht entschieden werden, ob er es ernst meinte oder möglicherweise spottete? – Vielen Dank! Der Name Antonio ist auch schön. Wirklich männlich. Der Barbier zwinkerte der bis über die Ohren erröteten Frau zu, und machte sich daran, zusammenzusammeln, was er brauchte. – Wenn Sie Hilfe brauchen, lassen Sie es mich wissen … – bot Olga sanft an. – Ich komme zurecht, vielen Dank! Bis dahin können Sie ruhig schlafen. Beide lächelten.
Da sah sich Olga im Fenster. Nachdem sie die Bananenkisten ausgepackt hatte, vergaß sie ihre langen blonden Haare herunterzulassen, außerdem band sie diese hastig zu Zöpfen, sodass einige Strähnen heraushingen. Sie bemalte nicht einmal ihre Wimpern, obwohl dies ihre marineblauen Augen schön betonte. Da es im Lager kühl war, zog sie sich vor dem Öffnen noch eine Reitweste an, in der sie so aussah wie die Gemeinschaftsarbeiterinnen, die morgens die Bürgersteige in der Dorfmitte fegen. Sie eilte in den kleinen Büroraum, riss sich das hässliche braune Kleidungsstück herunter, löste die Haare und kämmte sich mit den Fingern. Zufrieden betrachtete sie sich im Spiegel über dem Wasserhahn. Sie ging ruhig hinter das Pult zurück, als wäre nichts passiert.
Der Barbier bemerkte die Änderung sofort. – Wow! Haben Sie sich umgezogen? Haben Sie vielleicht Geschäftsverhandlungen mit einem Händler? Olga wünschte, der Boden würde sich unter ihr öffnen und sie verschlucken, aber sie hatte kein solches Glück. Sie dachte nicht mal drüber nach, dass sie sich mit dem schnellen Tuning lächerlich machen könnte. Der Mann war auch nicht dumm, und indem sie sich hübsch machte, verriet sie, wie sehr sie ihn mochte. – Haben Sie nichts dagegen, dass ich keine Kleidung zum Wechseln mitgebracht habe? – Antonio war über Olgas Qualen amüsiert. – Kein Problem. Übrigens, richtig geraten! Jeden Moment kann einer meiner Lieferanten eintreffen, mit dem ich die Preise neu verhandeln möchte. – Was für eine Geschäftsfrau Sie sind! – Der Barbier schnalzte anerkennend mit der Zunge. Olga begann spektakulär auf ihr Handy zu schauen, als wäre sie ungeduldig, wann der angebliche Lieferant eintraf. – Nun möchte ich Sie nicht weiter aufhalten. Rechnen Sie mir bitte diese zusammen und ich bin schon weg! – Tut mir leid, ich wollte Sie nicht vergraulen. Sie bringen Leben in dieses öde Dorf! Alle alten Damen bewundern Sie. Abends sitzen sie im Park und plaudern darüber, ob sie Chancen bei Ihnen haben könnten. Darüber streiten sie, ob Sie die Grauhaarigen oder die Gefärbthaarigen mit einem handflächengroßen Ansatz lieber haben, vielleicht die Schnurrbärtigen oder die Bärtigen? – Was für eine Fantasie Sie haben – erstaunte der Barbier. Er drehte sich noch von der Tür zurück und sah Olga tief in die Augen. – Aber ich mag, dass diese so lebendig ist…ich warte am Nachmittag auf Sie. Und vergessen Sie nicht, Ihren Sohn mitzubringen.
*
– Warum muss ich dir jedes Wort aus der Nase ziehen? – Elena war ungeduldig. Sie starrte Olga an, die sich in den Beifahrersitz hineinplumpste und ihr Gesicht mit den zwei Handflächen bedeckte. – Du kannst das nicht glauben, was für ein toller Kerl er ist! Elena! Und die Art, wie er mich anschaute! Ich bin völlig verloren, hörst du? – Ich höre, danke. Besonders jetzt, dass du es zum zehnten Mal sagst. Ich weiß nur noch immer nicht, was passiert ist. – Antonio besuchte mich! – Antonio? – Elena verwirrte sich. – Wer ist Antonio? – Nun, der neue Barbier! – Ach, so! Ich dachte, du und Hugo, etwas ist zwischen euch vorgefallen. – Ach was, Hugo ist mein Geschäftspartner. Außerdem ist es kein männliches Phänomen. – Okay, dann heißt der neue Kerl Antonio, den ich noch immer nicht gesehen habe, obwohl sein Ruhm schon bei der Polizei angekommen ist. Alle Mädeln sind von ihm begeistert… was ist also passiert? – Wie ich gesagt habe, er besuchte mich. Er wollte mir offensichtlich gefallen, er war für das Einkaufen sehr schön gekleidet. – Aber wenn er so ein schöner Kerl ist, ist es nicht möglich, dass er sich immer so kleidet? Um alle zu beeindrucken? – Komm schon! Mach es nicht kaputt! – Olga lachte mit gespieltem Vorwurf. – Meiner Meinung nach war er für mich so schön gekleidet, OK? – In Ordnung, erzähle doch weiter …
Als sie das Dorf verließen, trat Elena ins Gas und wehte ihnen der Fahrtwind durch die Haare. Sie genossen das Cabrio-Fahren in der warmen Sonne. Elena hatte die Haare normalerweise aufgesteckt, aber jetzt ließ sie auch ihre langen, üppigen, dunkelbraunen Haare runter. Sie stemmte sich mit dem linken Ellbogen aus dem heruntergelassenen Fenster und wartete neugierig darauf, dass ihre Freundin die Geschichte fortsetzt.
Sie mag diese Nachmittage. Wenn Elena nicht im Dienst oder in der Nachtschicht war, gingen sie immer gegen Mittag in den nahegelegenen Kurort, um gemeinsam zu Mittag zu essen. Zur Mittagszeit waren alle Geschäfte im Dorf nämlich für anderthalb Stunden geschlossen.
Olga erzählte alles über den Besuch des Mannes ausführlich. Sie deckte jedes kleine Detail ab, weil diese auch eine ernsthafte Bedeutung laut ihrer Freundin haben könnten, aber Elenas Fantasie war nicht so lebhaft wie die ihrer Freundin. Sie hörte nur eine Geschichte über einen Mann, der im Laden einer Frau einkaufte. Vermutlich herrscht zwischen den beiden eine Art Chemie, die nicht einmal so viel Bedeutung hat. Leute flirten manchmal…
– Was ziehst du dir am Nachmittag an? Ich denke, du hast es schon sorgfältig geplant. – Nein, eigentlich bin ich ratlos. Ich brauche etwas, in dem ich sexy bin, trotzdem schreit es nicht, dass ich ihm gefallen will. – Dann reicht ein rotes Top mit tiefem Dekolleté…
*
– Du bist so schön, Mama! – klatschte Olgas kleine Tochter die Hände, als sie Olga erblickte. – Diese Bluse ist wunderschön! Olga sah auch zufrieden in den Spiegel. Das feuerrote Top aus zartem Material hob ihre Figur perfekt hervor. Sie zog sich enge Jeanshose an, damit ihr Aussehen ausreichend gewöhnlich wird. Sie hatte nie die Geduld, sich zu schminken, sie ging lieber regelmäßig zur Kosmetikerin, um ihre Augenbrauen in der richtigen Farbe und Form zu halten. Sie betonte ihre Wimpern mit einer bereichernden Wimpernspirale. Den Duft, den sie verwendete, hatte sie zum ersten Mal ausgewählt, als sie noch an der Uni studierte, und seitdem nahm sie immer das gleiche Parfüm. Der frische Zitrusduft passte perfekt zu ihr.
– Komm, Sohn! Lass uns gehen! – rief sie dem Kind zu, das auf dem Hof spielte –, Trudy, und du gehst zu Sophie rüber, um zu spielen.
Bevor sie aus dem Auto ausstieg, musste sie Kräfte sammeln. Sie fühlte, wie die Aufregung langsam ihren ganzen Körper durchdrang. Sie versuchte sich zu beruhigen und atmete langsam und tief, aber ohne Erfolg. Sie konnte nur daran denken, was der Barbier sagen würde, wenn er sie erblickte.
Antonio bemerkte sie schon vom Fenster aus. Olga strahlte. Das feuerrote Top, die flatternden blonden Haare, die hübsche Figur der Frau brannten sich ins Gehirn des Barbiers für immer ein. Er machte die Tür für die Gäste weit auf.
– Meine Dame! Junger Mann! – Antonio verbeugte sich mit einer theatralischen Geste. Der Bube streckte höflich seine Hand aus, um sich vorzustellen.
– Timothy Bernstein! – Nimm Platz, Timothy! Es freut mich, dass du dich für mich entschieden hast. Der Bube setzte sich begeistert auf den Stuhl des Barbiers. Zum ersten Mal in seinem Leben besuchte er einen echten Barbier. Seine Mutti hatte ihn immer zu ihrem eigenen Friseur gebracht.
Als er seine Frisur kreierte, verriet jede Bewegung des Mannes, dass er Olga beeindrucken wollte. Offenbar hatte er sich in die Arbeit völlig vertieft, aber er warf jeden zweiten Blick auf den Spiegel, um zu sehen, ob Olga seine Arbeit beobachtete. Natürlich beobachtete sie ihn! Sie beobachtete die leidenschaftlichen Bewegungen des bärtigen Mannes, seine muskulösen Arme, seinen wohlgeformten Rücken, seinen Gesäß mit Andacht. Sie war von dem ganzen Körper des Mannes verzaubert und von jeder seiner Bewegungen erregt.
Als er mit der Arbeit fertig war, reinigte er gründlich das Kind von den Haaren und drehte dann den Stuhl, um den kleinen Jungen der Mutter zu zeigen.
– Ist es OK? Nehmen Sie ihn nach Hause? – fragte er mit einem breiten Lächeln. – So eine perfekte Frisur hatte er noch nie gehabt – ermutigte ihn Olga. – Schade, dass Sie keine Frisuren für Frauen machen. Antonio lachte. – Die Frauen sind zu launisch, das ist nicht für mich. – Ich denke, Sie sind genauso launisch. Mein Bauchgefühl sagt das zumindest. – Wir werden sehen, ob Ihr Bauchgefühl richtig ist – sagte der Barbier mit ahnungsvoller Stimme. – Ich hoffe, dass wir sehen werden – antwortete Olga gefallsüchtig.